Die Geschichte der Joker-Karte: Warum ist der Joker im Kartendeck?
Zusammenfassung
Die Joker-Karte, die in der Regel einen mittelalterlichen Narren oder einen Clown darstellt, sieht aus, als wäre sie einem alten und bedeutungsvollen Design nachempfunden. Im Internet liest man oft die These, dass der Joker mit dem Narren assoziiert sei, einer der Tarotkarten. Die Geschichte besagt etwas anderes – das macht die Joker-Karte allerdings nicht weniger interessant. Der Joker hat sich aus dem Buben (auch Bauer oder Junge genannt) heraus entwickelt, der in einigen Kartenspielen des 17. Jahrhunderts auf eher innovative Weise eingesetzt wurde. Im 19. Jahrhundert erfanden amerikanische Euchre-Spieler eine separate Karte und nannten sie den Joker – lose angelehnt an die deutsche Bezeichnung des Spiels, auf dem Euchre beruht – dem Juckerspiel. Mit diesem neuen Namen assoziierte man die Karte mit Witzen (engl. jokes), was wiederum einen Einfluss auf das Kartendesign hatte. Die Geschichte der Joker-Karte nahm eine unerwartete Wendung, als sie in den 1940ern einen Comiczeichner von DC dazu inspirierte, einen der charismatischsten Bösewichte aller Zeiten zu kreieren. Heute repräsentiert die Joker-Karte eine viel komplexere und bedrohlichere Figur als der simple Clown von vor 150 Jahren. Die Karte wird jedoch weiterhin in zahlreichen Kartenspielen eingesetzt.
Vor dem Joker: die Evolution des Buben
Bevor der Joker ins Spiel kam, wurde für die Funktionen, die er heute erfüllt (als Trumpfkarte oder als Platzhalter bzw. Wildcard), oft einer der vier Buben verwendet. Der Bube ist seit dem 15. Jahrhundert Teil des 52-Kartendecks, als französische Hersteller ihn als die schwächste der drei Hofkarten hinzufügten. Zu der Zeit waren die Hofkarten: der Bube, der damals unter einer anderen Bezeichnung geführt wurde, aber bereits die Rolle des heutigen Buben erfüllte; der Reiter oder Ritter, der später durch die Dame ersetzt wurde; und der König, der als Einziger unverändert blieb. Der König war in den ersten europäischen Kartenspielen die ranghöchste Karte. Im 17. Jahrhundert jedoch erfanden französische und britische Spieler mehrere Spiele, in denen einer der Buben in den höchsten Rang aufstieg. Unter ihnen war das englische Spiel Lanterloo (oder auch Loo), das oft als Meilenstein bei der Umwandlung des Buben zum Joker gilt.1
Das Lanterloo-Spiel erhob den Kreuz-Buben (♣; Abbildung 1) zum Ranghöchsten – zu einer Trumpfkarte, die sowohl die Dame als auch den König schlagen konnte. Lanterloo-Spieler gaben diesem Buben den Beinamen Pam, eine simple Abkürzung von Pamphilus aus dem gleichnamigen mittelalterlichen Gedicht Pamphilus, de amore (zu Deutsch „Pamphilus, über die Liebe“).2 Pamphilus, der Held des Gedichtes, ist ein junger Mann von nobler Geburt, aber mit geringem Einkommen, der eine schöne, reiche Frau betört und heiratet und auf diese Weise zu Geld kommt.3 Dies mag erklären, warum Spieler den Buben in Lanterloo mit dem Lebemann verglichen, denn auch der Bube war von niedrigem Adel zum höchsten Rang aufgestiegen.
Die Franzosen des 17. Jahrhunderts nannten ihren im Rang aufgestiegenen Buben ebenfalls Pam und ihre Version von Lanterloo nannte sich Pamphile. Die Franzosen gaben ihrem Buben jedoch eine weitere Aufgabe, die später in der Regel vom Joker übernommen werden sollte, und zwar die der Wildcard. Wenn ein Spieler vier Karten einer Farbe hatte, konnte er Pam als Stellvertreter für jede Karte verwenden, die ihm zu einem vollständigen Flush fehlte.4
Lange bevor die Joker-Karte erfunden wurde, gab es im Europa des 17. Jahrhunderts bereits einige der typischen Funktionen und Aufgaben des Jokers. Zu der Zeit diente Pam, der im Rang gestiegene Bube, als Trumpfkarte und als Platzhalter in zwei beliebten Spielen, dem Lanterloo und dem Pamphile.
Der Ursprung der Joker-Karte: Euchre
Jenes Spiel, aus dem letzten Endes die einzigartige Joker-Karte entstand, war Euchre – ein Kartenspiel, das mit der Beförderung des Buben zum höheren Rang ganz im Trend lag, den Lanterloo begonnen hatte. Euchre wurde im 18. Jahrhundert im Elsass erfunden, einer deutschsprachigen Region Frankreichs, und der originale Name lautete „Jucker“. Das Juckerspiel beförderte gleich zwei Buben, einen Buben in den höchsten und den anderen in den zweithöchsten Rang. Diese beiden Buben nannte man „Bauer“. Im 19. Jahrhundert brachten elsässische Einwanderer das Juckerspiel in die Vereinigten Staaten. Die Aussprache war für englischsprachige Spieler schwierig, also änderte man die Schreibweise von „Jucker“ zu „Euchre“ und der „Bauer“ wurde zu „Bower“. Aus dem Bauern mit dem höchsten Rang wurde der Right Bower („rechter Bauer“) oder Best Bower („der beste Bauer“) und der zweithöchste Rang wurde zum Left Bower („linker Bauer“). Die ersten veröffentlichten Regeln mit diesen neuen Bezeichnungen stammen aus dem Jahr 1845.5
Um 1857 herum fügten Euchre-Spieler dem Spiel noch einen dritten Bower hinzu. Zusätzlich zu den anderen beiden beförderten Buben – dem Right Bower und dem Left Bower – führten sie eine neue Karte ein, welche die beiden schlagen konnte. Diese Karte wurde nun der Best Bower („der beste Bauer“) genannt (Abbildung 2) oder Imperial Bower („imperialer Bauer“). Zunächst war dieser „beste Bauer“ nur eine unbedruckte Karte,6 doch schon bald darauf druckte der berühmte Spielkartenhersteller Samuel Hart die erste bedruckte Best-Bower-Karte.7
Im Jahr 1875 spielten Euchre-Spieler mit unbedruckten oder bedruckten besten Bauern, je nachdem, was sie gerade zur Hand hatten. Es war zu dieser Zeit, als Spieler der Euchre-Variante Railroad Euchre, zu Deutsch „Eisenbahn-Euchre“, begannen, diese zusätzliche Karte als „Joker“ zu bezeichnen. In der Edition des The American Hoyle, einem Kompendium beliebter Spiele, von 1875 stand, dass es beim Railroad Euchre „eine zusätzliche blanke Karte gebe, die man den Joker oder den Imperial Trump nanne“.8
Euchre wurde mit einem 32-Kartendeck gespielt. Dieses bestand aus vier Farben mit je drei Hofkarten, einem Ass und vier Zahlenkarten von 7 bis 10.9 Dies waren die ersten Kartendecks, bei denen die Hersteller den Joker hinzufügten (Abbildung 3). Noch vor Ende des 19. Jahrhunderts erschien der Joker auch in 52-Kartendecks oder Standard-Kartendecks, was Spielern die Möglichkeit gab, diese Karte in weitere Spiele zu integrieren. Am bekanntesten darunter ist wohl Poker, wo Spieler begannen, den Joker als Platzhalter einzusetzen.10
Die ersten Joker erschienen um 1875 in dem amerikanischen Kartenspiel Railroad Euchre. Dort diente der Joker als Trumpfkarte und er entstand aus dem Best Bower, dem besten Bauern aus einer älteren Version des Euchre. Zum Ende des 19. Jahrhunderts hielt der Joker ebenso seinen Einzug als Platzhalter im Poker.
Die Herkunft des Namens „Joker“
Der Name „Joker“ ist wahrscheinlich eine Verballhornung des deutschen Wortes „Jucker“, das sowohl ein Kartenspiel (den Vorläufer von Euchre) als auch den Buben bezeichnete.11 In der Geschichte der Kartenspiele trug der als Trumpfkarte oder Wildcard verwendete Bube verschiedene Namen, darunter „Pam“ in den Spielen Lanterloo und Pamphile sowie Best Bower („bester Bauer“) in frühen Euchre-Varianten. Der Name „Pam“ bezog sich auf den Rang der Karte und passte perfekt zu dem zum Ranghöchsten beförderten Buben, da er sich von der literarischen Figur eines jungen Mannes von Adel ableitet, der auf der sozialen Leiter aufstieg. Auch die deutschen Begriffe „Bauer“ und „Jucker“ ergaben Sinn: Beide bezogen sich auf den Buben, dessen erhöhter Rang das charakteristische Merkmal von Euchre war. Die englischen Bezeichnungen „Bower“ und „Joker“ sind wiederum lediglich für den englischsprachigen Raum angepasste, phonetische Schreibweisen der deutschen Wörter. Die eigentliche Herkunft dieser Wörter ist eine andere: Im archaischen Englisch konnte „bower“ einen Buganker, eine Pergola oder eine Kemenate12 bezeichnen, und „joker“ war ein jester, also ein Hofnarr.13
Es dauerte nicht lange, bis englischsprachige Spieler den Joker mit dem joke assoziierten. Der Joker war jemand, der Witze reißt, Spaß macht, ein Hofnarr oder sogar ein Springteufel (Abbildung 4). In den späten 1870ern und frühen 1880ern bezeichneten einige Produzenten ihre Joker als Jolly Joker. Zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Transformation komplett und die Assoziation des Jokers mit Spaßvögeln, Witzen und Hofnarren permanent. Bis heute ist es das am weitesten verbreitete Kartendesign für den Joker.14
Der Name „Joker“ kommt wahrscheinlich von dem deutschen Wort „Jucker“, welches sowohl für den Buben als auch das elsässische Kartenspiel Jucker, den Vorfahren von Euchre steht. Nachdem dieser Name sich einmal eingebürgert hatte, assoziierten Spieler die Karte mit dem Hofnarren oder Spaßvogel.
Die Herkunft des Erscheinungsbildes des Jokers
Der Joker wird auf Spielkarten meistens als eine Art Hofnarr dargestellt – diese Darstellung passt sowohl zu seinem Namen als auch zum Design der drei Hofkarten (König, Dame und Bube), die üblicherweise Mitglieder eines mittelalterlichen Hofes zeigen. Das Bild des Hofnarren war aber nicht das Design, das man ursprünglich mit dem Joker oder seinem Vorgänger, dem besten Bauern im Euchre assoziierte. Die erste Best Bower – eine Karte, die im Euchre die beiden Bower (die höchstrangigen Buben) stach – war zunächst schlicht eine blanke Karte. In den 1850er Jahren begann Samuel Hart, illustrierte Best-Bower-Karten zu drucken, und bald folgten andere Spielkartenhersteller seinem Beispiel. Diese frühen illustrierten Best Bowers trugen üblicherweise nur den Namen des Herstellers und eine Beschreibung ihrer Funktion und Rolle (z. B. „Imperial Bower or Highest Trump Card: This Card Takes either Bower“; zu Deutsch: „Imperialer Bauer oder Höchste Trumpfkarte: Diese Karte schlägt alle anderen Bauern“; Abbildung 5). Abstrakte Bilder oder Zeichnungen von Tieren oder Menschen in verschiedenen Kleidungsstilen und Posen begleiteten den Text.15
Die Änderung des Namens von Best Bower zu Joker führte dazu, dass die Karte mit dem Bild eines Hofnarren assoziiert wurde. Es war reiner Zufall, dass das deutsche Wort „Jucker“ dem englischen Wort „Joker“ so ähnlich war und diese Form im englischsprachigen Raum sogleich übernommen wurde. Zudem ist „joker“ im Englischen unter anderem ein Synonym für jester, das englische Wort für Hofnarr. Hofnarren, deren Aufgabe es war, die Könige und Königinnen zu unterhalten, waren unersetzliche Mitglieder der mittelalterlichen Königshöfe. Trotz ihrer Unverzichtbarkeit schafften sie es in eben jener Zeit, die das Spielkartendesign in Europa am meisten beeinflusste – dem 15. Jahrhundert – nicht in das Standard-Kartendeck. Das 52-Kartendeck, das man im 15. Jahrhundert in England und Frankreich verwendete, enthielt drei Hofkarten: den König, die Dame und einen Höfling – den Buben. Seit dieser Zeit haben die Kleidung und Attribute (z. B. Waffen) der drei Figuren ein Design im Stil des Mittelalters. Die Joker-Karte, die erst im 19. Jahrhundert auftauchte, ergänzte die Hofkarten mit der Darstellung eines weiteren typischen Mitglieds eines europäischen Hofes in mittelalterlich anmutender Kleidung.
Auch wenn der Joker die jüngste Karte in diesem Quartett der Mitglieder des Hofes im Standard-Kartendeck mit 52 Karten ist, so ist doch das Design der Karte das altmodischste. Im 15. Jahrhundert wurden die Hofkarten mit ganzen Figuren dargestellt und es gab deutliche Unterschiede bei der Darstellung zwischen den einzelnen Herstellern. Im 19. Jahrhundert wurden die Hofkarten mittig geteilt, und es wurde nur noch der obere Teil – Kopf und Schultern der Figur – auf gegenüberliegenden Seiten dargestellt, zur Bequemlichkeit der Spieler. Außerdem wurde auch das Aussehen der Hofkarten standardisiert. Der Joker hingegen, der im 19. Jahrhundert erfunden wurde, behielt das ganzformatige Design der asymmetrischen Karte mit einer ganzen Figur bei (Abbildung 6). Es gab nie ein Standard-Design für den Joker. Wenn auch der Hofnarr, der Clown oder der Harlekin zu den ikonischsten Darstellungen gehören, kann man doch gleichzeitig Comicfiguren, Tiere, historische oder Fantasiefiguren, abstrakte Bilder und vieles mehr finden. Aufgrund dieser gestalterischen Freiheit lassen Hersteller ihre Joker-Designs oft markenrechtlich schützen.16
Die ikonischste Darstellung des Jokers – ein mittelalterlicher Hofnarr – entstand im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten. Sie vereinte gleichzeitig sowohl den Namen der Karte als auch seine komplementäre Rolle neben den drei Hofkarten (König, Dame und Bube). Doch der Joker kommt seit seinen frühen Tagen in vielerlei Verkleidung, oftmals spielt der Hofnarr in der Darstellung gar keine Rolle.
Hat die Joker-Karte etwas mit dem Tarotdeck zu tun?
Eine beliebte These beruht auf der Annahme, dass der Joker mit einer der Tarotkarten, dem Narren, assoziiert sei. Tarot ist ein Deck mit 78 Karten, das sowohl als Kartenspiel als auch zur Weissagung verwendet wird. Es besteht aus 56 „regulären“ Karten, die in vier Kartenfarben mit je zehn Zahlenkarten und vier Hofkarten unterteilt sind. Die verbleibenden Karten sind Bildkarten, die Großen Arkana oder Trumpfkarten. Dazu gehören unter anderem die Sonne, die Welt, der Teufel und die Herrscherin. Und dazu gehört auch der Narr – die einzige Bildkarte ohne römische Zahl.17
Oberflächlich betrachtet, gibt es zwischen dem Joker und dem Narren Ähnlichkeiten. Aber nach dem, was wir über die Geschichte der Kartenspiele in Europa wissen, konnte keiner der beiden aus dem anderen heraus entstehen. Spielkarten gelangten erst im 14. Jahrhundert nach Europa, zunächst nach Katalonien und später nach Italien und in weitere Länder. Da sie aus der arabischen Kultur übernommen wurden, waren sie anfangs im arabischen Stil gestaltet. Ein typisches Kartendeck aus der Zeit bestand aus 52 Karten mit 4 Kartenfarben – Schwerter, Stäbe, Kelche und Münzen – mit drei männlichen Hofkarten und zehn Zahlenkarten pro Farbe. Dies war im 15. Jahrhundert der Ausgangspunkt für zahlreiche Kartendecks, die man quer durch Europa entwarf: spanische, deutsche, italienische, französische etc. Unter all diesen Kartendecks enthielt nur ein einziges der italienischen Kartendecks – dasjenige, das wir heute als Tarotdeck kennen – die Narrenkarte. Der Joker hingegen wurde zu dem 52-Kartendeck hinzugefügt, das zuerst in Frankreich entwickelt wurde und welches Elemente aus spanischen und deutschen Decks enthält, aber keine italienischen. So gibt es also in der frühen Geschichte der Spielkarten in Europa keinen gemeinsamen Nenner für den Joker und den Narren.18
Auch wurde der Narrenkarte eine ganz andere Rolle zugeteilt als dem Joker. Viele Leute wissen nicht, dass das Tarotdeck ursprünglich zum Spielen verwendet wurde und nicht zur Weissagung.19 Im Tarotspiel war der Narr traditionell die einzige Bildkarte, die keine Trumpfkarte war. Stattdessen befreite er Spieler von der Pflicht zum Bedienen, man sparte dadurch eine Karte, die man andererseits verloren hätte.20 Der Joker hingegen entstand aus dem im Rang beförderten Buben und ursprünglich hielt er unter den Trumpfkarten im amerikanischen Euchre den höchsten Rang.
Und schließlich ist da noch die Frage des Designs. Der Joker aus dem Euchre und das Tarot hielten ungefähr zur gleichen Zeit ihren Einzug in die Vereinigten Staaten. Das erste amerikanische Buch, in dem über das Kartenlegen mithilfe des Tarotdecks gesprochen wurde, erschien 1872.21 Die ersten Joker-Karten mit der Darstellung des Hofnarren, die auch als Joker bezeichnet wurden, wurden in den 1870ern hergestellt (Abbildung 3). Diese zeitliche Übereinstimmung könnte theoretisch ein Hinweis darauf sein, dass der Narr aus dem Tarotdeck die Inspiration für das Design der ersten Joker-Karten lieferte. Die ersten Joker-Karten, die von Amerikanern im 19. Jahrhundert verwendet wurden, stellten allerdings nicht den Hofnarren dar.
Das Tarotspiel ist in Europa seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Damals wurde der Narr nicht als Hofnarr dargestellt, sondern als Bettler, Vagabund oder Trunkenbold (Abbildung 7). Die Narrenkarten aus dem 16. Jahrhundert, die bis heute erhalten geblieben sind, stellen z. B. einen Trunkenbold dar, der auf dem Rücken liegt, einen Weinkrug gegen sein Bein gestützt, oder einen voll bewaffneten, urinierenden Soldaten, aus dessen Helm eine Schnecke kriecht.22 Im 18. Jahrhundert waren es französische Okkultisten, die den Tarotkarten einen neuen Verwendungszweck als Hilfsmittel zur Weissagung gaben. Ganz besonders gefiel ihnen der sogenannte Tarot de Marseille, ein Kartendeck, das in Frankreich seit dem 17. Jahrhundert produziert wurde23 und seit Beginn der Darstellung des Narren als Vagabund treu geblieben war (Abbildung 8). Die ersten amerikanischen Tarot-Leser orientierten sich daran. Sie hatten kein Interesse an dem Tarotspiel, sie waren eher von den französischen Okkultisten und ihren Geheimgesellschaften beeinflusst.24 Wie es scheint, importierten sie ebenso ihre Tarotkarten aus Europa. Ein anonymer Autor schrieb 1885 in einem Artikel über esoterisches Tarot, dass es in Amerika derzeit keine Hersteller gäbe, die Tarotkarten produzierten. Er wünschte sich nur einen, der die Karten so produzieren würde, wie man es in Marseille vorgemacht hatte.25 Und so erfanden amerikanische Hersteller nicht nur den Joker, bevor sie begannen, Narrenkarten zu drucken; die Narrenkarte, der sie im späten 19. Jahrhundert möglicherweise begegneten, zeigte dabei keinen Hofnarren, sondern einen Vagabunden im Marseiller Stil.
Auch wenn der Joker und der Narr Ähnlichkeit miteinander zu haben scheinen, haben sie doch historisch gesehen keine Gemeinsamkeiten. Der Joker und der Narr entstanden in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Epochen. Im Kartenspiel hatten sie unterschiedliche Funktionen und Aufgaben, sie stellten ebenso verschiedene Figuren dar (der Hofnarr und der Vagabund). Es sieht also ganz so aus, dass der Joker nicht aus dem Narren entstanden ist.
Wie ist der Joker in das Batman-Universum gelangt?
Man schrieb das Jahr 1940, als die Joker-Karte Jerry Robinson, einen jungen Comiczeichner von Detective Comics (DC), dazu inspirierte, einen Bösewicht zu zeichnen, dessen globalen Erfolg er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätte – den Joker. Ein Jahr nachdem DC, unter der Leitung von Bob Kane, den Superhelden Batman kreiert hatte, waren sie in den Vorbereitungen für ein Comicbuch, welches in seiner Gänze den Abenteuern des Batman gewidmet sein sollte.26 Batman #1 sollte mehrere Geschichten enthalten, in denen jeweils ein anderer Bösewicht die Rolle des Antagonisten spielte. Robinson wollte, dass einer der Bösewichte einen Sinn für Humor hatte und weil man in seiner Familie gerne Karten spielte, kam er schnell auf den Joker. In seinem Studio lag ein Kartendeck mit einer Joker-Karte; nach dieser Vorlage zeichnete er den ersten Entwurf eines Clowns mit einem bösen Lächeln.27 Dieser Entwurf ist schließlich im Eröffnungspanel der allerersten Joker-Geschichte zu sehen – als eine der Karten, die der Bösewicht in der Hand hält28 (Abbildung 9).
Bill Finger und Bob Kane entwickelten dann auf der Basis von Robinsons Idee die Figur des Jokers. Als weitere Inspiration diente Finger ein Bild aus einem Stummfilm aus dem Jahr 1928, Der Mann, der lacht.29 Der Film, basierend auf dem Roman des französischen Schriftstellers Victor Hugo, erzählt die Geschichte von Gwynplaine, Sohn eines antimonarchistischen Lords, der auf Befehl des englischen Königs an Kinderhändler verkauft wurde. Um eine zukünftige Identifizierung des Jungen zu verhindern, verwandelte ein Chirurg ihn in einen Clown, indem er sein Gesicht zu einer permanent grinsenden Grimasse formte. Das Make-up und die Frisur des deutschen Schauspielers Conrad Veidt, der den Gwynplaine spielte, hatten einen großen Einfluss auf das Erscheinungsbild des DC-Jokers. Die geschminkten Lippen und die Zahnkappen auf Veidts Zähnen betonten das groteske Grinsen; die Frisur lag ganz im Trend der 1920er Herrenfrisuren (Abbildung 10). All diese Besonderheiten – das beunruhigende Grinsen, die roten Lippen, großen Zähne und das nach hinten gegelte Haar (allerdings grün gefärbt, um es mehr clownesk zu machen) – flossen in die ikonische Figur des Jokers, die Bob Kane für Batman #1 zeichnete (Abbildung 9; vergleichen Sie sie mit Abbildung 10).30
Die Inspiration aus Der Mann, der lacht, taucht regelmäßig wieder in den Comicbüchern und Filmen auf; so zieht z. B. der Joker-Film aus dem Jahr 2019 mit Joaquin Phoenix sehr viel Inspiration aus dem Konzept und der Geschichte des Romans von Victor Hugo. Doch vor allem anderen war es von Beginn an die Assoziation mit der Joker-Karte, die der Persönlichkeit und dem Verhalten des Jokers zugrunde gelegen hat und liegt. In der ersten Ausgabe des Batman-Comicbuchs aus dem Jahr 1940 verwendet der Joker Joker-Karten als seine Visitenkarten und spricht über sich selbst mit Wortspielen wie „Der Joker ist immer noch eine Trumpfkarte!“.31 Karten dienen ihm ebenfalls als tödliche Waffen; in Batman #1 sind diese noch reguläre, mit Gift getränkte Spielkarten, in späteren Comics sind es rasiermesserscharfe Wurfgeschosse aus Metall.32 Die erste Herkunftsgeschichte des Jokers, die 1951 von Bill Finger veröffentlicht wurde, verbindet das entstellte Gesicht des Jokers mit Spielkarten. Nach einem vereitelten Raubüberfall auf einen Spielkartenhersteller springt der Bösewicht in einen Bottich mit Giftstoffen und taucht als der Joker mit entstelltem Gesicht wieder auf.33 Und schließlich ist die Rolle, die man am häufigsten mit der Joker-Karte assoziiert, die Wildcard (der Platzhalter), ist die Basis für die Imitationskünste des Jokers. So schlüpft er z. B. in dem Film Der Dunkle Ritter aus dem Jahr 2008 in verschiedene Rollen, als Bankräuber, als Krankenpfleger und als Polizist.
Im Jahr 1940 erhielt Jerry Robinson den Auftrag, einen neuen Antagonisten für den Comicbuch-Superhelden Batman zu kreieren. Robinsons erste Zeichnung basierte auf der Joker-Karte, die in seinem Studio lag. Später entwickelten Bob Kane und Bill Finger die ikonische Figur des Jokers, indem sie die typischen Merkmale der Joker-Karte mit dem Bild des Gwynplaine aus dem Stummfilm aus dem Jahr 1928 kombinierten.
Warum ist der Joker im Kartendeck?
Heute ist der Joker ein unverzichtbarer Bestandteil zahlreicher Kartenspiele, sowohl in Multiplayer- als auch in Solitärspielen. Seine traditionellste Rolle ist die der Trumpfkarte und geht auf das Kartenspiel Euchre des 19. Jahrhunderts zurück. In Euchre und seinem Abkömmling The Five Hundred ist der Joker die höchste Trumpfkarte; das bedeutet, wer immer sie ausspielt, gewinnt den Stich.34 In einigen Vier-Spieler-Varianten von Spades übernehmen zwei Joker diese Rolle; einer ist der big joker (höchste Trumpfkarte) und der andere der small joker (zweithöchste Trumpfkarte).35
Eine weitere, sehr bekannte Funktion des Jokers ist die der Wildcard. Dies bedeutet, der Joker kann jede andere Karte ersetzen (Abbildung 11). Eines der ersten und zugleich bekanntesten Kartenspiele, in dem der Joker als Platzhalter eingesetzt wurde, ist Poker. Anders als Euchre, das mit einem kleinen, 32- oder 24-Kartendeck plus Joker gespielt wird, verwendet man beim Poker ein volles 52-Kartendeck. Als die Kartenhersteller begannen, Joker zum Standard-Kartendeck hinzuzufügen und die Zahl der Karten auf 54 zu erhöhen, gaben Pokerspieler dem Joker die Rolle des Platzhalters. Diese Neuerung floss später auch in andere Kartenspiele ein. Eines der bekanntesten Spiele, die den Joker als Platzhalter benutzen, ist das Rommé; ein weiteres ist das Canasta.36
Es gibt auch Spiele, in denen der Joker dem Spieler, der ihn auf die Hand bekommt, keinen Vorteil bringt. Dies ist der Fall bei Old Maid, einem Spiel mit dem Ziel, alle Karten abzulegen, indem man sie in Paaren auf den Tisch legt (z. B. zwei Könige, zwei Neuner etc.). Kann ein Spieler kein Paar ablegen, zieht er eine Karte von seinem Tischnachbarn. Die einzige Karte, die kein Gegenüber hat, ist der Joker oder the Old Maid („die alte Jungfer“) und wer am Ende den Joker hat, verliert das Spiel.37
Auch wenn herkömmliche Solitärspiele keine Joker verwenden, hat doch das bloße Vorhandensein der Karte im Kartendeck einige Spieler dazu inspiriert, neue Varianten ihrer beliebtesten Patience-Spiele zu erfinden. Der einfachste Einsatz eines Jokers ist der eines Platzhalters, um damit eine blockierte Karte zu ersetzen und somit unsere Chance, ein Solitärspiel aufzulösen, zu erhöhen. In Aces Up (auch manchmal „Asse hoch“ genannt) hat der Joker eine andere Rolle – hier dient er als „Joker-Bombe“. Der Spieler gibt vier Karten und legt alle Karten der gleichen Farbe ab, außer den ranghöchsten Karten. Das Spiel ist gewonnen, wenn nur die Asse, die ranghöchsten Karten, verbleiben. Mit jeder neuen Runde wird es schwieriger Karten abzulegen, die Stapel wachsen immer weiter – wird jedoch ein Joker auf einem Stapel abgelegt, so „jagt er alles in die Luft“. Alle Karten vom Stapel kommen zurück auf den Nachziehstapel, sodass ein Platz frei wird und die Gewinnchancen steigen.38
Nach der Erfindung des Jokers im 19. Jahrhundert wurde er in viele Multiplayer- und einige Einzelspieler-Kartenspiele aufgenommen. Die typischsten Rollen waren die der Trumpfkarte (z. B. in Euchre oder Spades) und des Platzhalters (z. B. in Poker oder Rommé), aber der Joker kann auch Pech bringen, wie z. B. in Old Maid.
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Abbildungen
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- Eine der frühesten Joker-Karten, 1878. Derzeit im British Museum. Wikimedia Commons, lizenzfrei.
- Eine Karikatur mit dem Titel „Euchered“, 1884. Die Karte im Vordergrund zeigt einen Baby-Springteufel mit der Bildunterschrift „The Little Joker“ („Der kleine Joker“). Autor: F.C., Popular Graphic Arts. Derzeit in der Library of Congress. Wikimedia Commons, lizenzfrei.
- Der Imperial Bower von Samuel Hart, ca. 1872. Nach Simon Wintles, „Samuel Hart, 1846–1871“. World Web Playing Card Museum. Wikimedia Commons, lizenzfrei.
- Joker-Karte, Ende des 20. Jahrhunderts. Fotografiert von Julia Madajczak.
- Die älteste erhaltene Narren-Karte: das Visconti-Sforza-Kartendeck, 1466 (siehe Dummett 1980: 68–69). Autor: Bonifacio Bembo, Antonio Cicognara. Wikimedia Commons, lizenzfrei.
- Der Narr aus dem Tarot de Marseille, 1701–1715. Autor: Jean Dodal. Wikimedia Commons, lizenzfrei.
- Das Eröffnungspanel der ersten Joker-Geschichte, gezeichnet von Bob Kane, mit der von Jerry Robinson gezeichneten Joker-Karte. Der Text aus der Bildunterschrift wurde entfernt. Batman #1, 1940. © DC Comics.
- Conrad Veidt als Gwynplaine in Der Mann, der lacht aus dem Jahr 1928, Universal Pictures.
- Der Joker als Platzhalter (ersetzt die Karo-Drei) in Rommé. Autor: Adamt. Wikimedia Commons, lizenzfrei.
